Call for Papers

Kritik (in) der Kommunikations- und Medienwissenschaft

Gesellschaftliche Funktion und Legitimität (freier) sozialwissenschaftlicher Forschung ist zweifelsohne an ihre Fähigkeit zur Kritik an gesellschaftlichen Phänomenen und Prozessen gebunden. Daher gehört es zum Selbstverständnis kommunikationswissenschaftlicher Forschung, medienvermittelte, durch Medien konstituierte und auf Medien bezogene kommunikative Praktiken, Diskurse und Öffentlichkeiten kritisch zu analysieren und theoretisch zu begreifen. Konstitutiv für die Kritik ist dabei immer das Bewerten und Beurteilen des Gegebenen und das Aufzeigen von Alternativen, wofür ganz unterschiedliche Wege offenstehen – die historische Rekonstruktion, die vergleichende empirische Analyse und das theoretische Hinterfragen und Einordnen. Schließlich verändern sich Form, Legitimierung und Gegenstand der Kritik selbst im Rahmen sozialer und kultureller, ökonomischer und politischer sowie medialer und kommunikativer Entwicklungen. Für die Kommunikations- und Medienwissenschaft der Gegenwart ist Kritik in mindestens drei Dimensionen relevant: Zum einen ist Kritik als Medienkritik und bezogen auf medienkritische Praktiken Gegenstand theoretischer und empirischer Forschung. Zum anderen nehmen medien- und kommunikations-wissenschaftliche Wissenschaftler_innen kritische Perspektiven auf mediatisierte Phänomene, Diskurse und Praktiken in ihren Theorien und empirischen Studien ein. Des Weiteren ist die Kommunikations- und Medienwissenschaft selbst kritisch in den Blick zu nehmen.

Die Tagung lädt zur Vorstellung und Diskussion dieser verschiedenen Dimensionen von Kritik im Fach ein:

Medienkritik und medienkritische Praktiken als Gegenstand der Kommunikations- und Medienwissenschaft

Medienkritik im Sinne eines Bewertens medialer Inhalte, Medienaneignung und Medienproduktion ist Gegenstand verschiedener Forschungsfelder der Kommunikations- und Medienwissenschaft: Inhaltsanalysen kritisieren nicht nur Medieninhalte in ihren Analysen, sondern nehmen Medienkritik als Medieninhalte selbst in den Blick. Welche öffentlichen Diskurse prägen gegenwärtig die Medienkritik und die Kritik an der gesellschaftlichen Rolle der Medien? Medienaneignungsstudien kritisieren das Medienhandeln von Menschen oder nehmen kritisches Medienhandeln, also solches, das bestimmte Medienpraktiken reflektiert und Alternativen entwickelt, in den Blick. Auch die Produktion von Medientechnologien wird kritisch in den Kommunikations- und Medienwissenschaft hinterfragt bzw. alternative Produktion von Medientechnologien untersucht. In der Gegenwart sind es insbesondere Digitalisierungsphänomene und -prozesse wie Selbstvermessung, Smart City, Big Data und Datafizierung, die im Fokus kritischer Forschung stehen. Welche mediensoziologischen und medienkritischen Befunde liegen zur symbolischen, diskursiven und gesellschaftlichen Rolle einer ubiquitären globalen Medieninfrastruktur, die von globalen Medienkonzernen geprägt wird, vor? Inwiefern unterscheidet sich die Kulturindustriekritik aus dem 20. Jahrhundert von kritischen Befunden zur Gegenwart? Angesprochen sind darüber hinaus diachrone und synchrone Analysen medienkritischer Praktiken, die gegenwärtige Instanzen kritischer Gegenöffentlichkeit erforschen und nach dem Selbstverständnis alternativer Teilöffentlichkeiten fragen.

Kritische Theorien und Perspektiven in der Kommunikations- und Medienwissenschaft

Eine Vielzahl von Kommunikations- und Medienwissenschaftler_innen beanspruchen für sich, in ihrer Arbeit eine kritische Perspektive auf ihre Forschungsgegenstände einzunehmen. In diesem Zusammenhang soll reflektiert werden: Was macht eine kritische Perspektive aus und welchen Erkenntnisgewinn kann sie bringen? Welche Wertvorstellungen liegen kritischen Perspektiven zugrunde und in welchem Verhältnis stehen diese zu gesamtgesellschaftlich geteilten Wertvorstellungen? Sollten kommunikations- und medienwissenschaftliche Ansätze per se kritisch sein? Wie ertragreich waren bisherige kritische Ansätze theoretischer und methodischer Art? Was ist zukünftig zu beachten? Welche Rolle hat Medienkritik in der modernen Mediengesellschaft und in welchem Verhältnis steht Medienkritik zur Gesellschaftskritik? Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Befunden kritischer Forschung, insbesondere für die Medienpolitik, für Journalismus oder Medienpädagogik? In diesem Zusammenhang ist auch nach dem Stand und der Weiterentwicklung kritischer Theorien in den Kommunikations- und Medienwissenschaften zu fragen. Interessante Fragestellungen dazu sind u.a.: Wie lässt sich der Ansatz der Cultural Studies auf Datafizierungsprozesse anwenden? Wie lassen sich En- und Decodierungspraktiken, signifying practices und institutions, diskursive und symbolische Macht mit medientechnischen Informationsinfrastrukturen verbinden? Was sagt der historische Materialismus zur Datenökonomie der Gegenwart? Wie lässt sich die Entfremdungsthese der kritischen Schule von Arbeit auf kommunikative Praktiken einer tiefgreifend mediatisierten Kultur und Gesellschaft verlängern? Gibt es Medien-Meta-Kapital und wie wird es auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern verwertet? Wie verändern sich Wissen, Macht und Governementalität in datengetriebenen Zeiten? Welches kritische Potential im Sinne eines bewertenden Überschreitens lässt sich mit Akteur-Netzwerk-Theorien erschließen? Welchen Mehrwert bietet die Erforschung der sozialen Konstruktion von Medientechnologien, die Beschreibung medialer Affordanzen oder medialer Grenzobjekte einer kritischen Kommunikationswissenschaft?

Kritik an der Kommunikations- und Medienwissenschaft

Kritik an der Kommunikations- und Medienwissenschaft wird sowohl an ihren Inhalten als auch an ihren Strukturen laut. So wird das Fach kritisiert, keine eigenen „großen Theorien“ zu entwickeln, sondern sich anderer sozialwissenschaftlicher Disziplinen zu bedienen. Maßnahmen wie der DGPuK-Theoriepreis versuchen diesem Vorwurf zu begegnen. Kritik an den Strukturen der Kommunikations- und Medienwissenschaft, wird u.a. in Hinblick auf die Arbeitsbedingungen laut: So gibt das Wissenschafts-zeitvertragsgesetz einen Rahmen vor, welcher für viele Wissenschaftler_innen und eben auch Kommunikations- und Medienwissenschatler-_innen zu „kritischen“ im Sinne von prekären Arbeitsbedingungen und nicht selten zum Ausscheiden kompetenter Nachwuchspersonen aus dem System führt. Auch der gesellschaftspolitische Anspruch der Kommunikations- und Medienwissenschaft rückt in letzter Zeit vermehrt in den Vordergrund: Sollte sich WissenschaftlerInnen verstärkt in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen und wenn ja, wie? Was kritisiert die Gesellschaft an der Kommunikationswissenschaft, und was kritisiert die Kommunikationswissenschaft – mit welchem Ertrag – an sich selbst?

Prozedere & Anmeldung

Diese und weitere Themen werden wir auf der diesjährigen Jahrestagung der Fachgruppe Soziologie der Medienkommunikation diskutieren. Wir bitten um Einreichungen von anonymisierten Abstracts mit separatem Deckblatt für Einzelvorträge (max. 800 Wörter) im PDF-Format bis einschließlich 1. Juni 2019 an peter.gentzel@phil.uni-augsburg.de. Auch sind inhaltlich abgestimmte Panels mit 3-4 einzelnen Beiträgen zu einem übergeordneten Thema erwünscht. Rückmeldungen werden im Juli versendet. Alle Einreichungen werden in einem anonymisierten Peer-Review-Verfahren nach den Kriterien theoretische Fundierung, Relevanz der Fragestellung, Angemessenheit der Methode/Vorgehensweise, Neuigkeitswert/ Originalität sowie Klarheit und Prägnanz der Darstellung begutachtet. Eine Publikation im Anschluss an die Tagung ist geplant.

Doktorand_innen können auf Wunsch ihren Status auf dem Abstract kennzeichnen, da dieser im Begutachtungsverfahren berücksichtigt wird. Vorträge von Nachwuchs-wissenschaftler_innen werden in das Tagungsprogramm integriert. Im Anschluss an die Vorträge erhalten Doktorand_innen Feedback einer etablierten Wissenschaftlerin/ eines etablierten Wissenschaftlers.

Das Programm wird im August veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt folgen dann alle weiteren Informationen zum Tagungsort, Tagungsbeitrag und zu Hotelempfehlungen. Die Tagung wird am Donnerstag, den 12. Dezember 2019 um 19:00 Uhr mit einem Get-Together beginnen und am Samstag, den 14. Dezember 2019, gegen 13:30 Uhr enden.

Kontakt

Organisationsteam der Universität Augsburg

Prof. Dr. Jeffrey Wimmer, Universität Augsburg
Prof. Dr. Peter Gentzel, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Für die DGPuK FG Soziologie der Medienkommunikation

Dr. Sigrid Kannengießer, Universität Bremen
Dr. Cornelia Wallner, LMU München

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